Unterwegs mit der Time Tripping Crew

Bass unter der Brudermühlbrücke

Es ist Samstag Nacht – viele sind auf der Suche nach einer Party, die diesen Abend in Erinnerung bleiben lässt. In den kalten Monaten bietet sich dafür die Münchner Bar- und Clublandschaft an. Doch warum sollte man im Sommer in geschlossenen Räumen feiern? Warum nicht draußen in der freien Natur? Das dachte sich auch die Münchner Time Tripping Crew, die regelmäßig alternative Drum and Bass Partys im öffentlichen Raum veranstaltet. Bei ihrer 20. Ausgabe an der Isar bin ich dabei.

Gegründet wurde die Crew von Max Lehmann, Bruno Schneegaß, Michi Semler, und Fabian Barthel. Foto: Olga Levina. Foto: Olga Levina Foto: Olga Levina

Gegründet wurde die Crew von Max Lehmann, Bruno Schneegaß, Michi Semler, und Fabian Barthel.

 

Nach einem kurzen Kennenlernen in der Wohnung eines der Crewmitglieder, besprechen wir den groben Gesamtablauf und andere wichtige Fragen. Etwa wie wir alles hinbringen ohne gesehen zu werden und wer die Verantwortung übernimmt, wenn es Ärger mit den Anwohnern oder der Polizei geben sollte. Proaktiv zu sein und Verantwortung zu übernehmen ist allen Beteiligten sehr wichtig – das hört man deutlich raus. Deswegen und weil gute Kenntnisse der örtlichen Gegebenheiten das A und O bei einer Brückenparty sind, fühle ich mich bei dem Münchner Partykollektiv, das einen großen Teil seiner Jugend an der Isar verbracht hat, gleich gut aufgehoben. Und tatsächlich läuft der Transport des Soundsystems, der Lichtanlage und der Getränke reibungslos ab – nur wenige Stunden später sind wir an der Brudermühlbrücke. 


Es ist erstaunlich, wie gut das nur mit Stirnlampen ausgestattete Team aufeinander eingespielt ist. Jeder weiß, was er zu tun hat und jeder Handgriff sitzt, sodass das DJ-Pult, die Bar und die Lichtanlage in etwa einer Stunde aufgebaut sind. Es gibt sogar gratis Wasser und Knabbereien, was dem Ganzen zusätzlichen Charme verleiht. Besonders stolz ist die Crew aber auf ihren neuen Subwoofer, der heute zum ersten Mal richtig zum Einsatz kommt und Großes erwarten lässt. Nun kann es also losgehen. 


Doch wie erfährt man eigentlich von solch unkonventionellen Underground-Partys unter Isarbrücken, in Unterführungen oder Bunkern? Etwas Vitamin B ist hier sicherlich nicht verkehrt, weil sie einen exklusiven Charakter haben, um den Überblick übers Geschehen zu behalten und nicht unangenehm aufzufallen. Wichtig ist den Crewmitgliedern vor allem, dass der freie Eintritt und günstige Getränkepreise nur weltoffenes Publikum anziehen, ganz unter dem Motto: "No racism, no sexism, no homophobia." Meistens erfährt man deswegen erst zwei Tage vorher von der kommenden Veranstaltung – und erst einen Tag vorher, wo genau diese stattfinden wird. Heute mit dabei sind die DJs Bunlaer, Glitchard, Polaster, Rather und Tyra. Ihr Ziel ist es, durch ihr breitgefächertes Repertoire ein Lächeln auf die Lippen der Bassliebhaber zu zaubern. Nach und nach treffen sie ein. 


Kurze Zeit später wird es richtig eng unter der Brücke. Unzählige Körper bewegen sich zum Rhythmus der Musik, die mal düster und deep und mal hell und heiter oder massiv und energetisch ist. Durch die verschiedenen Styles scheint für jeden etwas dabei zu sein. Wer nicht tanzt, sitzt an der Isar und genießt den schönen Anblick oder folgt gespannt der Lichtshow. Fast unbemerkt huschen die Crewmitglieder durch die Menge und sammeln kontinuierlich Flaschen und Müll ein, um den Ort schlussendlich sauberer zu hinterlassen als sie ihn vorgefunden haben. 


Plötzlich geht die Musik aus – alles wird still. Eine Stimme erklingt: "Die Polizei ist da!" – darauf folgt ein leises, doch aufgeregtes Getuschel. Auch ich frage mich, ob wir wohl zu laut waren – ist die Party gleich vorbei? Mittlerweile haben sich alle im Dunkeln hinter den Brückenpfeilern versteckt – Taschenlampen leuchten rüber und wir halten den Atem an. Nur wenige Minuten später (gefühlt eine halbe Stunde) werden alle wieder lauter. "Sie sind weg!" –, und ein massiver Bass setzt ein, der die Masse wieder zum Schweben bringt. 


Langsam wird es hell und es fängt an stark zu regnen, doch die Party geht bis in die frühen Morgenstunden weiter. Es ist erst vorbei, wenn der Letzte geht, so einer der Crewmitglieder. Zumindest für die Gäste. Für Time Tripping geht es noch so lange weiter, bis das Areal aufgeräumt und das Equipment wieder verstaut ist. 


In Erinnerung bleibt so ein Abend auf jeden Fall. Genauso wie die Frage, ob solche Aktionen nicht mehr nur geduldet, sondern eher gefördert werden sollten – schon allein der Umwelt zuliebe.​ 

 

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