"Ich hab die Unschuld ..." im Theater...und so fort

Überall Gift - Die Gesellschaft formt unsere Wut

Von überall her dringen rezitierende Stimmen und düstere Ambientklänge ins Ohr, die einen in Sekundenschnelle in eine brutale und harte Realität versetzen. Ein kleines Licht geht an und da sitzt er – ein Mann, ein Junkie, Mörder und Sohn. So wie alle Protagonisten in Dirk Bernemanns 13 Kurzgeschichten mit dem Titel "Ich hab die Unschuld kotzen sehen", repräsentiert er eine der Schattenseiten unserer Gesellschaft. Direkt und schockierend nah inszeniert Heiko Dietz eine knallharte Wahrheit vor der wir sonst nur zu gerne die Augen verschließen.

Einzelschicksale, kunstvoll verwoben. Foto: Paul Meschuh

Einzelschicksale, kunstvoll verwoben.

 

Es sind Alltagsphänomene wie Gewalt gegen Frauen, Drogenmissbrauch und Geisteskrankheit, die viel zu oft ignoriert werden – doch nicht hier und nicht jetzt. Im Theater...und so fort begegnet man Prostitution, Obdachlosigkeit und Polizeigewalt, denn man begibt sich auf eine ernüchternde und grotesk anmutenden Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele.

 

Bernemanns Kurzgeschichten sind sehr kunstvoll miteinander verwoben. In irgendeiner Weise stehen fast alle Charaktere in Bezug zu einander. Erzählt wird von planmäßigen sowie von zufälligen Begegnungen und Affekten mit fatalen Folgen. So ist der pessimistische, abgestumpfte Polizist und Möchtegern-Vollstrecker der Gerechtigkeit eigentlich klein und hilflos. Er ist nicht nur der harte Bulle, sondern vor allem ein traumatisiertes Kind – erfüllt von Hass gegenüber seinem Vater, einem heruntergekommenen, pädophilen Säufer. "Ich sollte meinen Vater besuchen ... lassen" sind seine letzten Worte. Das flackernde Licht geht wieder aus und man erblickt den Vater.

 

Zu klar wird die Diskreptanz zwischen der eigenen Unfähigkeit und dem Wunschdenken, sobald man den Worten dieses Adiletten mit Tennissocken tragenden Protagonisten lauscht. Das Einzige, was dieser Mann jemals zustande gebracht hat, waren drei, wie er es nennt, "Fehlgeburten". Gemeint sind die beiden Söhne – der Junkie und der Polizist – sowie seine Tochter, mit der er nur zu gern das Bett geteilt hätte. Das Licht geht aus, ein Störgeräusch vermischt sich mit Popmusik, die Tür geht auf – der "stille Killer" tritt ein. Es fällt ein Schuss. 

 

So wie die Szenenfolgen ist auch Bernemanns Duktus: schnell, hart, direkt und durchsetzt mit Kraftausdrücken. Was der eine oder andere bemängelt, erscheint hier absolut richtig und realistisch.

 

Doch nicht nur das pure Grauen erwartet einen auf der minimalistisch gestalteten, schwarzen Bühne, auf der lediglich einige helle Holzkisten zu finden sind. So wird der "stille Killer" in einer Art ironischem Teleshopping mit Witz vorgestellt und zum Kauf angeboten. Auch der Münchner Straßenbahnfahrer berichtet höchst ironisch und zugleich zynisch. Besonders amüsant ist jedoch der kleine Freestyle Roger Kaufmanns. Diese Ironie durchzieht das gesamte Stück, was immer wieder – auch wenn nur für einen kleinen Augenblick – aufatmen lässt, bis einem der Schock wieder in die Glieder fährt.

 

Eine Aussage Bernemanns steht für das gesamte Stück: Man ist "tief bewegt von so viel Leidenschaft und Professionalität". Das gilt auch und gerade für die dargebotene Schauspielkunst. Bravo!

 

 

Theater ...und so fort, Kurfürstenstraße 8, nächste und letzte Doppelaufführung am 1. Dezember 2012: "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" & "Und wir scheitern immer schöner" (Teil 2), Telefon 089/23219877.

 

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