"Georg Baselitz" von Evelyn Schels im Kino

Die Welt steht Kopf

Eine Filmemacherin beobachtet den Künstler bei der Arbeit – gemalt wird verkehrt herum. Georg Baselitz tupft, trägt Farbe auf, kratzt sie wieder ab, kleckst und verwischt. In diesem Dokumentarfilm lässt sich der 75-Jährige von der Regisseurin Evelyn Schels über die Schulter blicken. Sie blättern gemeinsam im Familienalbum und rekapitulieren die wichtigsten Stationen seines Lebens.

Baselitz bei der Arbeit in einem seiner Ateliers. Foto: Alamode Filmverleih

Baselitz bei der Arbeit in einem seiner Ateliers.

 

Schels erstes Portrait von Baselitz aus dem Jahr 2004 und die daraus entstandene Freundschaft bilden die Ausgangsbasis für ein intimes Bild des Künstlers. Drei Jahre lang filmt sie die Entstehung seiner Bilder und Skulpturen. Sie reisen gemeinsam nach New York, Paris und Berlin sowie in seine Ateliers in Italien und am Ammersee.

 

Der Maler und Bildhauer zählt zu den führenden zeitgenössischen Künstlern. Geboren 1938 sah er als Junge noch die Nationalsozialisten und wurde später Zeuge der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands. In vielen Werken reflektiert Baselitz die Destruktion der Kriegs- und Nachkriegszeit. So unter anderem in "Die Hand – Das brennende Haus".

 

Seit 1969 stellt Baselitz seine Bilder auf den Kopf. Was er durch diesen Perspektivenwechsel anstrebt ist, seiner Aussage nach, Bedeutungsverlust und Disharmonie. Er arbeitet dünn, flüssig und schnell: "Daher arbeite ich meist auf dem Boden. Dann läuft alles weg. Das schwimmt einfach weg. Für mich ist wichtig, dass du immer, wenn du unten arbeitest, die Monumentalität oder die Größe beibehältst, dass du nicht so klein wirst." Diese Vergrößerung ist nötig, um ein großformatiges Bild mit so vielen Details wie möglich ausfüllen zu können.

 

Zu Wort kommen auch die Ehefrau Elke, seine Weggefährten und Galeristen. Seit über 50 Jahren weiß keiner so genau wie Elke über Baselitz Bescheid: "Ich weiß genau, was er macht. Ich weiß genau, was entsteht." Der Film erzählt, vom Skandal um das Bild "Die große Nacht im Eimer" und von seinem internationalen Durchbruch 1980 in Venedig. Auf der damaligen Biennale stellte Baselitz in der Tradition von Joseph Beuys nur eine Skulptur auf, die für Furore sorgte. Das "Modell für eine Skulptur" empörte, weil Betrachter darin Hitler-Bärtchen und -Gruß sahen.

 

Auf der Suche nach einem eigenen Stil abseits des Mainstreams stellt er die Kunstwelt noch heute buchstäblich auf den Kopf. "Baselitz war immer und wollte immer ein moderner Künstler sein. Nur die Moderne, die er wollte, die gab’s nicht", so der Galerist Fred Jahn. Mittlerweile erlebt selbst sein Frühwerk eine Aufwertung.

 

Schels Portrait des heute noch vor jeder Konfrontation mit dem Publikum ängstlich-aufgeregten Künstlers ist authentisch und nah. "Ich bin wahnsinnig aufgeregt", so Baselitz, "als hätte ich so was noch nie gemacht, als wäre es das erste Mal". Sowohl den Menschen wie auch den Maler lernt man in diesem Film zu verstehen. Beide faszinieren auf ihre Weise. Trotz langatmiger Passagen: Sehenswert.

 

 

"Georg Baselitz", Kinostart 11. April 2013, Dokumentarfilm, Deutschland 2013, 105 Minuten, Regie: Evelyn Schels. Alamode Filmverleih, FSK: 0

 

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