Philip Deckers "Fear no Fear" in der Halle 7

Interaktives Theater mit Gruseleffekt

"Fear No Fear – Der Angst auf der Spur" ist ein Projekt des Regisseurs Philip Decker. Das Theaterstück zeigt, dass Angst immer immanent ist. Sie schreckt nicht nur ab, sondern fasziniert auch. Es geht um unterdrückte Emotionen, Leistungsdruck und Wutausbrüche. Um Alpträume und Angstzustände, die im Wahnsinn münden. Gespielt wird an verschiedenen Stationen in der und um die Halle 7, was Interaktivität möglich macht – sie gewähren darüber hinaus Zutritt zu für Besucher normalerweise nicht zugänglichen Räumen.

Beim Abendmahl: Franziska Kronfoth feat. The Black Submarines. Foto: Michael Wüst

Beim Abendmahl: Franziska Kronfoth feat. The Black Submarines.

 

Decker setzt sich damit auseinander, wie Angst sich anfühlt und wie wir ihr begegnen. Im ersten Teil des Stücks wird gezeigt, wie faszinierend Angst sein kann. Decker inszeniert das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" der Brüder Grimm auf unkonventionelle Art. Ein kleiner Junge, gespielt von Franziska Kronfoth, macht sich auf diesen Weg. Trotz vieler Abenteuer bleibt sein Wunsch unerfüllt. "Ach, wenn mir's nur gruselte! Ach, wenn mir's nur gruselte!", wiederholt er immer wieder. Nur die ihm versprochene Prinzessin schafft es schließlich doch, ihn das Gruseln zu lehren, indem sie den Schlafenden mit kaltem Wasser überschüttet. Aufs Happy End folgt eine Prozession – alle ziehen weiter an den zweiten Aufführungsort.

 

Der zweite Teil der Stücks setzt sich mit weiteren Erscheinungsformen der Angst auseinander. Er findet in mehreren Büroräumen des Theaters statt, die betreten werden können. Dadurch kann der Zuschauer über das Sujet mitbestimmen. So wird bei der Yoga-Übung "Krieger" über Politik diskutiert und nach "pfiffigen Ideen" für Massenvernichtungswaffen gesucht. Andernorts wird von der Schauspielerin Sushila Sara Mai, in einem karikierten Theaterworkshop, auf den Erfolgskampf hingewiesen. Schrei und Stille wechseln in Sekundenschnelle und erfüllen vollkommen den Raum. Eine Frau fällt tot um – es folgt ein Trauerzug zum nächsten Ort.

 

Im letzten Teil von "Fear no Fear" nimmt man an einer Art Abendmahl teil. Die Rock'n'Roll Band "The Black Submarines", die das Stück ohne Unterbrechung begleitet, sorgt für schaurig-melancholische Atmosphäre. Im rhetorischen Durcheinander erklingen russische Verse. Sie verweisen auf Aleksander Puschkins Tragödie „Das Gelage während der Pest". Inszeniert wird eine dramatische Szene, also ein Gelage in einer Straße einer verpesteten Stadt. Diese Szene steht im Mittelpunkt von Puschkins Tragödie – Deckers Projekt widmet sie um zu einer Lobpreisrede an die Pest.

 

Das stellenweise langatmige Stück überzeugt nicht mit geradliniger Erzählweise. Der experimentelle Charakter und die schauspielerischen Leistungen reißen es aber wieder heraus. Es wird gezeigt, wie Angst uns hemmen und zugleich weiterbringen kann.

 

 

Letzte Aufführung am 18. Januar 2013: "Fear No Fear – Der Angst auf der Spur", Theater Halle 7, Grafinger Straße 6, 81671 München, Telefon 089/53297829.

 

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