"Und wir scheitern..." im Theater...und so fort

Magisches Desaster – Nur für Verrückte?

"Leben ist wie Scherben essen und sich wundern, dass man Blut spuckt." Unter diesem Motto könnte Dirk Bernemanns Fortsetzung des Bestsellers "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" stehen. In "Und wir scheitern immer schöner" bleibt er auf Kurs und macht auf die Suche nach dem, was hinter der Fassade steckt - ein gnadenloser Schnitt durch die Gesellschaftsschichten.

Groteske Illusion. Foto: Geralsd Huber

Groteske Illusion.

 

Heiko Dietz, der Regisseur der Bühnenfassung im Theater...und so fort, vollzieht wiederum einen totalen Kurswechsel und inszeniert das Stück als makaberes Kabarett. Er bricht die groteske Illusion und entschärft das Sujet.

 

Wer sich in Bernemanns 18 Kurzgeschichten auf die Suche nach einem verborgenen Sinn macht, wird feststellen, dass das unmöglich ist. Denn der Autor benennt die Tabuthemen direkt in Form eines Erlebnisberichts oder einer Beichte. Dietz inszeniert 16 dieser "von hinten durch die Brust ins Auge stechender Texte" mit viel Ironie. Und er warnt den Zuschauer bei der am Anfang stehenden "Zielgruppendefinition" vor. Im Gegensatz zu "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" weiß man hier sofort, worauf man sich einlässt.

 

In dieser Aufführung wird das Publikum in keine düstere Dimension hineingezogen. Es fungiert als kritischer Betrachter. Abgesehen davon dienen eingespielter Applaus und absichtliches Soufflieren dazu, die groteske Illusion zu durchbrechen. Die Zuschauer können so mehr Distanz zum jeweiligen Sujet gewinnen. Vorgetragen werden die Geschichten in Form einer Art Sit-down-Tragedy, dem Pendant zur Stand-up-Comedy, mit unterhaltsamen Musikeinlagen. Dadurch gehen einem die Schicksale nicht mehr ganz so nah wie im ersten Teil dieses Werks.

 

Bernemanns mit Vulgarismen durchsetzte Sprache dient dazu, die Härte deutlich zu machen, die in Sex, Aggression und Mord wirkt. Vor religiösen Themen macht er ebensowenig halt wie vor Beschreibungen des eigenen Todes. Das Besondere daran sind nicht nur die latent gelangweilten Protagonisten, die das Desinteresse an gesellschaftskritischen Themen repräsentieren, sondern vielmehr die fehlende Wertung auf die Angesprochenen. Der Zuschauer ist verstört und sich selbst überlassen.

Die teilweise miteinander verknüpften Geschichten stellen ein Spiel mit Klischees dar. Der Sinn  detaillierter Beschreibungen sexueller Handlungen sowie von Gewalt erschließt sich sicherlich nur demjenigen, der diese nicht zu deuten versucht. Es ist ein Spiel mit offenen Karten. Es reinigt. Eine Katharsis.

 

Einige Zuschauer verließen die Vorstellung lautstark noch vor der Pause. Zurecht? Sie verpassten ein postmodernes Spektakel, das sich zum Ende hin immer weiter steigerte.

So schwierig das Stück auch ist, die Schauspieler überzeugen. Als Pendant zu "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" ist "Und wir scheitern immer schöner" absolut sehenswert. Ein mit "Heute schon gescheitert?" beschriftetes Feuerzeug gibt es als kleines Andenken zur Eintrittskarte dazu.

 

 

Nächste und letzte Doppelaufführung am 1. Dezember 2012: "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" & "Und wir scheitern immer schöner", Kurfürstenstraße 8, 80799 München, Telefon 089/23219877, www.undsofort.de. 

 

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